Leskovar, Veronika: Die fabelhafte Welt der Hertha Kräftner

Leskovar, Veronika: Die fabelhafte Welt der Hertha Kräftner. Eine narratologische Analyse der literarischen Prosatexte der Autorin. ISBN 978-3-7069-0330-1. Broschiert, 2005, 174 Seiten. €-A 24,00; €-D 23,30

Dieses Buch kommt einem schon seit langem überfälligen Desiderat der germanistischen Forschung nach und betrachtet das schriftstellerische Werk Hertha Kräftners unter werkästhetischen und narratologischen Aspekten. Es legt den Schwerpunkt auf die literarischen Prosatexte der Autorin, da jene im bisherigen Kräftner-Diskurs im Vergleich zu ihren lyrischen und biographischen Texten als künstlerisch weniger wertvoll angesehen und in eine unbeachtete Außenseiterrolle gedrängt wurden. Abseits von biographischen Deutungen und Spekulationen, die den Blick auf die Schriftstellerin verstellen, werden die fiktionalen Welten und Imaginationsräume, die diese Texte in den Rang von Literatur erheben und als artifiziell charakterisieren, ergründet. Die konkrete Untersuchung der Texte geht anhand der narratologischen possible-worlds theory vor, die einen Text als Universum aktualisierter und möglicher Welten begreift, die miteinander in einem ständigen Spielzusammenhang stehen. Zuerst werden die Relationen zwischen den Einzelwelten der Figuren- und Erzählerdomäne beleuchtet, womit dem die Ganzheit des Textes konstituierenden Zusammenspiel der einzelnen Welten auf den Grund gegangen wird. Durch verschiedene Arten von Grenzüberschreitungen in andere Welten eröffnen sich neue Möglichkeiten, die ihrerseits weitere Welten hervorbringen. Der nächste Schritt untersucht die Figurendomäne, besonders das Verhältnis der einzelnen Figurenwelten zueinander. Dieser direkte Zusammenhang bedingt die Identitätsbildung der jeweiligen Figuren und wirkt sich selten förderlich, dafür umso zerstörender aus. Schlussendlich werden die narrativen Techniken und Strategien der Erzählinstanz in Bezug auf ihren Beitrag zur Semantisierung des Textes untersucht. Diese Inszenierung lässt auch Rückschlüsse auf die Erzählinstanz selbst zu und gibt Einblicke in deren eigenen Weltentwurf. Da sich Hertha Kräftner immer wieder selbst als Poetin festschreibt, ist ein Herangehen an ihre Texte, das diese als Produkte eines Kunstschaffens wahrnimmt, vonnöten. Das Aufzeigen und Bewusstmachen dieser kreativen Elemente nimmt den literarischen Anspruch dieser Texte ernst und ist eine Aufforderung, auch die weiteren Kräftnerschen Texte auf ihren poetischen Gehalt hin zu lesen.