Lexe, Heidi: Pippi, Pan und Potter

Heidi Lexe: Pippi, Pan und Potter. Zur Motivkonstellation in den Klassikern der Kinderliteratur (= Kinder- und Jugendliteraturforschung in Österreich. Veröffentlichungen d. Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung, hg. v. Ernst Seibert u. Peter Malina, Bd. 5). ISBN 978-3-7069-0221-2. Gebunden, 2003, 268 Seiten. €-A 40,00; €-D 38,90        VERGRIFFEN!

Kinderliterarische Kanonbildung bleibt an die Vorstellung eines scheinbar klar begrenzten Textkorpus, eben jenem der "Klassiker", gebunden. Woraus noch lange nicht geschlossen werden darf, dass die angesprochenen RezipientInnen auch mit diesem Kanon vertraut sind. In diesem Fall liegt der Grund weniger in der Vermutung, dass allgemeiner Lektüregeschmack und kanonische Vorgaben selten konvenieren, sondern vielmehr an der Bestimmbarkeit dessen, was die "Klassiker" umfassen. Die wenigsten der genannten Kinderbuchklassiker werden heute noch als "Text" rezipiert, und wenn doch, um welche Textversion handelt es sich? Um eine Bearbeitung, um eine Nacherzählung, um ein Medienverbundprodukt? Die Zahl derer, die Baloo den Bären für einen singenden Superkumpel halten, übersteigt die Zahl derer, die um seine Funktion als strenger Lehrmeister der Dschungelgesetzte wissen, bei weitem. Und stammt die Biene Maja nicht von Karel Gott? Entstanden ist die Themen- und Fragestellung dieses Buches durch die Notwendigkeit, theoretisch auf den Klassiker-Boom der frühen 90er Jahre zu reagieren und für eine begriffliche Klärung zu sorgen. Hand in Hand mit der theoretischen Auseinandersetzung ging dabei die Faszination über die Vielfalt an künstlerischen Annäherungen, die eine erneute Präsenz der Klassiker mit sich gebracht hat. Gerade im Moment der Illustration liegt eine Besonderheit der Gattung Kinderliteratur: Ohne das Textgenre zu verlassen, können hier theatrale und mediale Erzählformen mit einbezogen werden. In der Kinderliteratur ergibt sich dadurch die Möglichkeit des inszenatorischen Momentes: Wird der Text (das Stück) als bekannt vorausgesetzt, können mit Hilfe der Inszenierung ganz neue Lesarten angeboten werden. Gerade darin liegt der besondere Stellenwert der Klassiker im Bereich der Kinderliteratur. Mag die Verlagspolitik auf den Wiedererkennungseffekt von VermittlerInnen rekurrieren, so ist damit auch die Möglichkeit verbunden, sich einem Text aus unterschiedlicher künstlerischer Perspektive zu nähern. Denn die Klassiker der Kinderliteratur müssen mitnichten ausschließlich einem kanonischen Reflex dienen; an die Stelle einer Polarisierung zwischen Klassikern und moderner Kinderliteratur kann vielmehr ein künstlerisch aktiver Umgang mit dem literarischen Vorbild treten. Die Aufmerksamkeit für einen solchen intermedialen Prozess in der Theoriebildung kann mithelfen zu verdeutlichen, dass ein Erneuerungsprozess erst dort in Gang kommt, wo die Grenzen des Bewährten überschritten werden. (Aus der "Einleitung")